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01. Januar 2015 Streetworking for You - erster Rückblick auf ein erfolgreiches Projekt

Bereits 2013 hatte der Verein Zur Förderung Bulgarischer Kinderheime e.V. das Projekt „Streetworking for you!“ mit 10 000 Euro gefördert. Dabei ging es zum einen darum, die Zusammenarbeit von zwei Nichtregierungsorganisationen vor Ort im Interesse der Heimkinder zu fördern und zugleich das erste Streetworking-Projekt in Bulgarien aus der Taufe zu heben.

2014 wurde das Projekt fortgesetzt. Es resultierte aus den Erfahrungen, dass es in Bulgarien nach wie vor nicht gelungen ist, den Übergang von Jugendlichen aus dem Heim heraus ins Alltagsleben adäquat vorzubereiten. Dazu sind zum einen die Gruppen in den Heimen immer noch zu groß, die Qualifizierung der Pädagogen zu gering, der Personalschlüssel zu klein, die Gehälter zu niedrig.

In dem als Gemeinschaftsvorhaben zwischen unserer bulgarischen Partnerorganisation National Alliance for Volunteer Action (NAVA) und der AGAPEDIA-Stiftung des früheren deutschen Nationaltrainers Jürgen Klinsmann konstruierten Projekt, begleiten seit dem Projekt-Start zwei Sozialarbeiter, einer von der NAVA und einer von AGAPEDIA je fünf Jugendliche über zwei Jahre. Die Arbeit der Sozialarbeiter besteht in individueller Hilfe beim Lernen zu den Prüfungen, Suche von Arbeitgebern, Schreiben der Bewerbungen für Studium bzw. Arbeitsstellen, Begleitung zu Bewerbungsgesprächen, praktische und psychologisch Betreuung bei allen Problemen außerhalb der Heime. Für die Fortführung des Projektes hatten wir 2014 noch einmal 5000 Euro zur Verfügung gestellt. Mit den Mitteln wurden sowohl die Gehälter der Sozialarbeiter wie deren Qualifizierung bezahlt.

Der Erfolg des Projektes zeigt, dass es in Bulgarien dringend mehr solcher Projekte bedarf. Im folgenden stellen wir Ihnen einige der betreuten Jugendliche und die Arbeit der Sozialarbeiter mit ihnen vor.

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VJARA wird von den Sozialarbeitern im Rahmen des „Streetworking vor You“-Projektes seit mehr als zwei Jahren betreut und hat in diesen Jahren eine hervorragende Entwicklung genommen. Zurzeit studiert sie im zweiten Semester an der Nationalen Sportakademie. Trotz Studium sucht sie nach wie vor den Kontakt zu den Sozialarbeitern des Projektes. Im Sommer absolvierte sie im Rahmen ihres Studiums ein Schulungslager in Nessebar teilgenommen, wo sie ihre Pflichtprüfungen in den Fächern Schwimmen und Segeln erfolgreich bestand. In den Semesterferien verdiente sie sich Geld als Animateurin in Touristenzentren am Sonnenstrand. Vor allem mit Kindern arbeitet Vjara dabei gerne. Inzwischen ist es mit Unterstützung der Sozialarbeiter auch gelungen wieder vorsichtige Kontakte zwischen Vjara und ihren Eltern zu knüpfen. Während Vjara in Sofia studiert, halten die Sozialarbeiter von „Streetworking for You“ Kontakt zu Vjaras Mutter, die den Wunsch geäußert hat, mehr über Vjaras Entwicklung zu erfahren. Sie selbst würde Vjara gern mehr unterstützten, braucht dafür aber Arbeit. Die Sozialarbeiter haben daraufhin beschlossen, der Mutter von Vjara über ihre Kontakte bei der Arbeitsagentur behilflich zu sein.

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DESSISLAV arbeitete im Sommer als Kellner am Sonnenstrand. Die Sozialarbeiter von „Streetworking for You“ überzeugten ihn, einen Rettungsschwimmerschein zu machen. So konnte er ab Juli als Rettungsschwimmer in einem Aqua Park Geld verdienen, was sein Selbstbewusstsein sehr gestärkt hat. 1000 Leva und eine Mietwohnung sind für Saisonarbeit in Bulgarien außerordentlich gute Arbeitsbedingungen. Sein Arbeitsgeber, eine Hotelkette, hat Dessislav vorgeschlagen, im Ausland als Rettungsschwimmer zu arbeiten. Doch entsprechende Angebote ist bisher ausgeblieben. Seit Ende der Sommersaison lebt Dessislav in Sofia, wo er versuchte mit einem anderen Rettungsschwimmer, eine Wohnung und Arbei in Sofia zu finden. Die Sozialarbeiter von „Streetworking for You“ hätten ihn gern in ihrer Nähe in Plovidv behalten, um ihn weiter betreuen zu können, letztlich jedoch ist es ihre Pflicht, die individuellen Wünsche der Klienten zu unterstützen. In Sofia hatte Dessislav schließlich Arbeitsangebote. Eines als Rettungsschwimmer in einem Schwimmbad für umgerechnet 300 Euro Monatsgehalt. Und eines als Barmann in einem Lokal mit umgerechnet 400 Euro Monatsgehalt. Er hat sich für die höher bezahlte Arbeit entschieden.

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EMANUIL (auf dem Foto mit Sozialarbeiter Ivo) macht den Sozialarbeitern von „Streetworking for You“ wegen seiner Arbeitsbelastung Sorgen. Um über die Runden zu kommen, hat Emanuil zwei Jobs, wirkt sichtlich ausgelaugt und müde. Im Urlaub nahmen die Sozialarbeiter ihn mit in ein Sommerlager der deutschen AGAPEDIA-Stiftung. Hier zeigte sich wieder der alte, lustige Emanuil mit seinem Talent für Sport. Emanuil offenbart außergewöhnliche kommunikative Fähigkeiten. Er ist charmant, rücksichtsvoll, sorgt immer für gute Stimmung im Team. Im Herbst sprachen die Sozialarbeiter von „Streetworking for You“ mit ihm darüber, ob er nicht wie Vjara ein Studium an der Sportakademie aufnehmen wolle. Aber das traut sich Emanuil nicht zu. Bisher lebt Emanuil noch in einer geschützten Wohnung. Jetzt wollen die Sozialarbeiter von „Streetworking for You“ gemeinsam mit ihm eine Wohnung finden. In den ersten Monaten wird die AGAPEDIA-Stiftung dafür die Miete übernehmen. Emanuil wird für Strom und Wasser aufkommen. Im Weiteren ist geplant, mit Emanuil gemeinsam nach einer Arbeit zu suchen, die seinen Fähigkeiten entspricht und so bezahlt wird, dass es keines Zweitjobs mehr bedarf um seine Lebenshaltungskosten zu bestreiten.

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ANGEL erhielt dank der Betreuung durch „Streetworking for You“ einen Job bei einer Restaurant-Kette. Angel wollte mit ins Sommerlager von AGAPEDIA. Das gelang Dank der Vermittlung der Sozialarbeiter, die mit Angels Chef sprachen. Es zeigte sich, dass bei den Arbeitgebern die Betreuung der Jugendlichen gut ankommt. Im Zusammenhang mit dem Urlaub erläuterten die Sozialarbeiter Angel wie man Urlaubsanträge ausfüllt, klärten ihn über seine Rechte als Arbeiternehmer auf. Die Sozialarbeiter haben Angel animiert, Geld zu sparen, da er bald aus der geschützten Wohnung in eine Mietwohnung ziehen muss. Angel hat nun rund 350 Euro für diesen Übergang in ein völlig selbstbestimmtes Leben gespart – ein gutes Ergebnis des Projektes „Streetworking for you“. Früher gab er sein Geld sofort aus. Ziel ist nun Angels Qualifizierung als Koch, um seine Chancen auf eine bessere Stelle zu erhöhen. Auch wollen die Sozialarbeiter ihn beim Erwerb der Fahrerlaubnis unterstützen. Zugleich arbeiten die Sozialarbeiter mit Angels Bruder Velian (17), der zurzeit auch in einem Heim lebt. Ziel ist es die Beziehung zwischen Angel und dem Heim zu stärken, um positiv Einfluss auf die Entwicklung von Velian nehmen zu können.

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MIMI wird durch unsere Sozialarbeiter vor allem bei der Erziehung ihrer zwei Kinder unterstützt. Es ist nicht einfach Jugendliche, die in Heimen aufgewachsen sind, beizubringen, was für elterliche Pflichten ein Kind mit sich bringt. So gehört zur Betreuung auch, Mimi zu zeigen, wie man Geburtstage der Kinder feiert und welche Bedeutung dies in der Entwicklung der Kinder und ihrer Beziehung zu den Eltern hat. Die Sozialarbeiter bereiteten mit Mimi gemeinsam den zweiten Geburtstag ihrer ältesten Tochter Viktoria vor. Die Sozialarbeiter luden auch den Vater von Viktoria zum Geburtstag ein, der keine emotionale Beziehung zu dem Kind hat und nutzen das Fest zugleich für intensive Gespräche, die auch auf die Verantwortung des Vaters zielten. Zugleich wird im Rahmen des Projektes „Streetworking for You“ versucht, Mimi dazu zu bewegen, den Schulabschluss nachzuholen. Das ist bisher aber noch nicht gelungen. Die Sozialarbeiter werden weiter daran arbeiten, Mimi zum Abschluss wenigstens der Mittelschule 10. Klasse zu bewegen. Bis dahin suchen sie mit ihr gemeinsam eine Arbeitsstelle, die ihr Zeit für die Töchter lässt.

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SVETLIN (auf dem Foto mit seinem Vater) wurde im Sommer 18. Da er 2015 die Schule beendet und der Auszug aus dem Heim bevorsteht, begleiteten wir ihn zum psychologische Dienst der Sozialbehörde, die für den Umzug in die geschützte Wohnung ein Bescheinigung ausstellen muss. Svetlin nahm 2014 ebenfalls am AGAPEDIA-Sommerlager in Deutschland teil und offenbarte hier gute kommunikative und Teamfähigkeiten. Diese sozialen Kompetenzen versuchten die Sozialarbeiter zu stärken, indem sie ihn mit in ein Kinderheim nahmen, in dem Jugendliche freiwillig mit den kleinen Kindern basteln und spielen, eine Aufgabe die Svetlin hervorragen meisterte. Auf seinen Wunsch hin begleiteten ihn die Sozialarbeiter von „Streetworking for You“ auch in sein Heimatdorf, wo er seinen leiblichen Vater wiedersah. Kindheitserinnerungen sprudelten plötzlich aus Svetlin. Er begann zu erzählen, wo er gespielt hat, wie er als Kind lebte, über die Bäckerei gegenüber, wo er früh bei der Vorbereitung der Brote half. Es brauchte viel psychologisches Feingefühl seine Euphorie im Lot zu halten. Ziel ist es nun Svetlin bei seinem Schulabschluss zu helfen und mit ihn beim Erwerb der Fahrerlaubnis zu unterstützen.

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VASKO lebte zu Beginn des „Streetworking for You“-Projektes bereits in einer geschützten Wohnung, hatte das Heim zu diesem Zeitpunkt also bereits verlassen. Im Sommer nahm er mit Begeisterung an einem der AGAPEDIA-Sommerlager teil. Gern beteiligte er sich als Freiwilliger bei der Unterstützung des Heimes in Lesitschowo, wo er als Freiwilliger mit den Kindern spielte. Aufmerksamkeit fand sein Geschick, Eisbecher lustigen zu garnieren. Nun muss er bald die ihm von einer Stiftung für das erste Jahr nach dem Heimaufenthalt zur Verfügung gestellte geschützte Wohnung verlassen und den Schritt in die völlige Selbstständigkeit gehen. Das gestaltet sich jedoch schwierig und Vasko leidet an Depressionen. Inzwischen hat Vasko dank der Sozialarbeiter zwei Wohnungen gefunden. Nun muss er sich für eine von ihnen entscheiden. Diese Entscheidung soll er aber alleine treffen. Die Sozialarbeiter zeigen ihm, wie man Vor- und Nachteile einer Wohnung abwägt. Außerdem helfen sie Vasko bei der Aufstellung eines Wochenplanes und eines persönlichen kleinen Finanzhaushaltes.

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STANTCHO hatte kurz vor dem AGAPEDIA-Sommerlagern eine Arbeit in einer Schneiderei gefunden. Er war sehr betrübt, dass er nicht teilnehmen konnte, da er noch keinen Anspruch auf Urlaub hatte. Die Sozialarbeiter von „Streetworking for You“, konnten den Arbeitgeber aber überzeugen, Stantcho teilnehmen zu lassen. Auch hier zeigte sich, wie gut die Betreuung ehemaliger Heimkinder durch Sozialarbeiter bei den Arbeitgebern ankommt. Denn wie mit vielen Heimkindern hatte auch dieser Arbeitgeber mit Stantcho Probleme. Er kam unpünktlich, nahm sich freie Tage, fand es ungerecht, dass die ihm dann vom Lohn abgezogen wurden. Die Sozialarbeiter bemühten sich, ihm zu erläutern, wie die Arbeitswelt funktioniert. Dennoch äußerte Stantcho den Wunsch, die Arbeitsstelle zu wechseln. Die Sozialarbeiter fanden für ihn einen neuen Job in einer Werkstatt für Steckdosen, eien Arbeit bei der er sich nun wohlfühlt.

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MARIA hat dank der Hilfe der Sozialarbeiter von „Streetworking for you“ eine Arbeit in einer Fabrik bekommen, in der Teile für Heizgeräte gebaut werden. Inzwischen verdient sie umgerechnet rund 300 Euro und ihre Vorgesetzten sind mit ihr sehr zufrieden. Ihr ist es wichtig, dass es dort Arbeitskolleginnen gibt, die sich um sie kümmern, wenn es ihr gesundheitlich nicht gut geht. Aufgabe der Sozialarbeiter bei Maria ist vor allem, ihr emotionelle Stabilität zu geben. Ihr Vater, ein Alkoholiker, verstarb im September und das Krankenhauspersonal machte dem Mädchen Vorwürfe, sie habe sich nicht genug um ihn gekümmert. Vorwürfe, die Maria schwer belasteten, da sich ihr Vater nie um sie gekümmert hat. Ihre Mutter ist psychisch krank und „terrorisiert“ die Tochter ständig mit Anrufen. Es ist ein großes Verdienst von „Streetworking for You“, dass Maria die Sozialarbeiter als festen Halt in ihrem Leben empfindet. Sie sind ihre ersten Ansprechpartner geworden. Vor kurzem hat Maria den nächsten Schritt in die Selbstständigkeit getan, ist aus ihrer Wohngemeinschaft mit einer anderen jungen Frau ausgezogen und hat ein eigenes kleines Appartement bezogen, für das sie rund 60 Euro Miete zahlen muss.

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RENI konnte dank der Unterstützung der Sozialarbeiter von „Streetworking for You“ ein neues Leben beginnen. Sie begleiteten sie nach Verlassen des Heimes zur Arbeitsagentur. Mit deren Hilfe fand Reni die Möglichkeit eines berufsvorbereitenden Kurses, in dem sie Grundwissen im Arbeitsrecht und Wirtschaft erhielt, auch verschiedene praktische Übungen wie etwa ein Bewerbungstraining gehörte zu diesem Kurs. Reni hat die abschließende Prüfung mit sehr gut bestanden. Auch die praktische Prüfung in verschiedenen Berufsfeldern schloss Reni mit einem Zertifikat ab. Mit den so erworbenen Unterlagen hatte sie nun gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung. Durch Vermittlung der Sozialarbeiter erhielt sie im September bei einer Firma sofort einen Arbeitsvertrag als Elektroschweisserin und verdient umgerechnet 215 Euro im Monat für eine Zweischicht-Arbeit. Dazu erhält sie Lebensmittelscheine im Wert von 30 Euro monatlich. Im Moment arbeiten die Sozialarbeiter mit ihr an ihren noch wenig ausgeprägten Sozialkompetenzen. Sie ist noch zu oft unpünktlich, beherbergt in ihrer geschützten Wohnung oft Freunde, die nicht arbeiten und Renis Freundlichkeit ausnutzen. Sie ist auf einem guten Weg.